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Reiseberichte

Was bisher geschah

GR5 - Unterwegs in den Vogesen

  • 11. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Feb.


Teil 1: von Schirmeck nach Ribeauvillé


Nach Monaten wandern wir wieder los


In Schirmeck sind wir losgelaufen – direkt am Tag nach meiner Abgabe. Monatelang hatte ich für die Thesis am Schreibtisch gesessen, mein Rücken schmerzte noch, meine Füße waren lange Strecken nicht mehr gewohnt. Körperlich war ich aus der Übung, innerlich aber sehnsüchtig bereit. Nur die Vorbereitung war ein Chaos. Meine Wanderschuhe hatte ich vom Schuster weiten lassen – später stellte sich heraus, dass sie danach nicht mehr wasserdicht waren. Aus Angst vor der Kälte hatte ich zu viel eingepackt: eine Leggings zu viel, ein Oberteil zu viel, und dazu meine Therm-a-Rest-Sommermatte, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie im Oktober reichen würde. Diese Unsicherheit zog sich bis nach Straßburg. Dort kaufte ich spontan noch die gelbe Vier-Jahreszeiten-Matte von Therm-a-Rest und schickte einen Teil meiner Ausrüstung zurück nach Stuttgart. Erst dann war ich wirklich bereit


Die Vogesen in der weichen Herbstsonne


Von Schirmeck sollten wir zur Haute Loge aufsteigen, zu dem steinernen Häuschen oben auf dem Kamm. Den Donon ließen wir aus – wir kannten ihn von einer früheren Tour. Es war schönes Herbstwetter. Der Weg zog sich stetig bergauf, ruhig und gleichmäßig, und mit jedem Meter spürte ich, wie sich die Anspannung der letzten Monate löste. Oben trafen wir zwei Niederländer, die ein bisschen neidisch waren, dass wir noch zwei Wochen Zeit hatten. Von hier oben lag die Landschaft weit und still vor uns – die Vogesen, weich in der Herbstsonne. Alles war feucht. Am Morgen war der Schlafsack klamm. Trotzdem schlief ich gut. Der Körper nahm sich, was er brauchte.


Aussicht von der Höhe Haute Loge - das Wetter ist noch stabil
Aussicht von der Höhe Haute Loge - das Wetter ist noch stabil

Eine lange Etappe und die Suche nach Schutz


Am nächsten Tag lag eine lange Etappe vor uns: bis zum Odilienberg. Dort hatte ich ein Zimmer gebucht – zum Ausruhen, zum Ankommen, auch um abends einmal gut zu essen. Dazwischen wollten wir noch einmal draußen übernachten. Wo genau, wussten wir noch nicht. Von der Haute Loge ging es zunächst steil hinab Richtung Rothau, dann wieder die gesamten 400 Höhenmeter hinauf. Es war eine lange, schweigsame Etappe. Wir mussten uns erst wieder einlaufen. Das Gehen war noch nicht selbstverständlich. An einer Auberge kamen wir zufällig vorbei und spielten mit dem Gedanken, nach einem Zimmer zu fragen. Es war ungemütlich, und die ständige Suche nach Wasser und geeigneten Plätzen kostete Kraft. Die Auberge war geschlossen, aber sie gaben uns die drei Liter Wasser. Wenigstens diese Sorge war genommen. Es wurde bereits dämmrig, und der Weg führte immer weiter bergauf. Der Pfad verlief über eine offene Heide – ein Ort, an dem es nicht erlaubt ist, das Zelt aufzuschlagen. Erst im Wald wurde es wieder möglich. Es begann zu regnen. Alles war ungünstig: Hanglage, Nässe, wenig Zeit. Schließlich fanden wir eine halbwegs ebene Stelle und bauten das Zelt hastig auf. Wir spannten meinen Poncho so, dass wir darunter sitzen und kochen konnten. Eine gute Idee, dachten wir.



Übernachtung im feuchten Wald - auf der Nordseite. Noch sitze ich gemütlich unter dem Tarp-Poncho


Der Regen hört nicht auf


Am Morgen kam die Überraschung. Der Regen setzte sofort wieder ein. Wir lagen auf der Nordseite – etwas, das wir erst auf dieser Tour wirklich lernten: Nordseiten sind feuchter, kälter, und oft halten sich dort die Wolken. Ich zog den pitschnassen Poncho an. Er hing schwer an mir herunter, vollgesogen mit Wasser. Da wurde mir klar, was für eine Schnapsidee es gewesen war, ihn als Kochunterstand zu benutzen. Der Rucksack saß unangenehm auf meinem Rücken. Ich war untrainiert, unausgeruht, und der Regen fiel in Strömen. Dann spürte ich es: Meine Wanderschuhe füllten sich langsam mit Wasser. Bei jedem Schritt schmatzte es. Verzweiflung stieg in mir auf. Wir waren gerade erst losgelaufen – und bis zum Odilienberg lagen noch siebzehn Kilometer vor uns. Ich fragte meinen Freund, ob seine Schuhe auch schon nass seien. Er verneinte. Da wurde mir klar: Durch das Weiten hatte der Schuster vermutlich die Membran zerstört. Ich blieb stehen und weinte.



Über die bei Sonnenschein schöne Heide - das Champ du Feu bei Nebel und Nieselregen
Über die bei Sonnenschein schöne Heide - das Champ du Feu bei Nebel und Nieselregen

Schritt für Schritt durch den Nebel


Wir liefen weiter – es gab keine Alternative. Nach dem Wald erreichten wir das Champ du Feu, eigentlich eine wunderschöne Heide mit weitem Blick, doch an diesem Tag verschwamm alles in Nebel und Nieselregen. Solche Momente kennen wir: Man geht einfach weiter, Schritt für Schritt, ohne nachzudenken und im Vertrauen darauf, dass sich der Weg irgendwie fügt. Das Wasser schmatzte bei jedem Schritt in meinen Schuhen. Schließlich hatte mein Freund die rettende Idee: trockene Socken und Mülltüten um die Füße. Auf Komoot suchten wir die nächste Hütte und folgten der Sprachnavigation – normalerweise gehen wir mit Karte, aber die war längst durchweicht. Als wir die Hütte erreichten, wechselte ich die Socken und kochte mir eine Tasse Suppe auf dem Gaskocher. Die Wärme tat unendlich gut. Nach einer kurzen Pause gingen wir weiter, der Regen war inzwischen zu Niesel geworden. Kurz vor dem Aufstieg zum Odilienberg erwischte uns noch einmal ein Starkregen – aber wir wussten: Jetzt ist es nicht mehr weit.


Ein besonderer Ort - der Odilienberg


In früher Zeit galt der Odilienberg als heiliger Berg der Kelten. Eine lange Heidenmauer zieht sich um sein Plateau, vermutlich zum Schutz vor Eindringlingen. Später gründete die heilige Odilia hier ein Kloster, und der Quelle unterhalb des Berges werden heilende Kräfte für die Augen zugeschrieben. Ich hatte viel über diesen Ort gehört und wollte ihn spüren, die Atmosphäre aufnehmen. Als wir oben ankamen, tropfte das Wasser von uns herab. In der Hotelhalle bildeten sich kleine Pfützen um unsere Füße. Kurz hatten wir Sorge, gleich wieder hinausgebeten zu werden – doch wir durften bleiben. Wir verbrachten zwei Tage dort, ruhten uns aus, ließen es uns gutgehen. Wir blickten in die Landschaft, hörten Geschichten über den Berg. Man spürte, warum Menschen diesen Ort über Jahrhunderte als heilig empfunden hatten.


Der Odilienberg - ein mystischer Ort mit einer abwechslungsreichen Geschichte
Der Odilienberg - ein mystischer Ort mit einer abwechslungsreichen Geschichte

Weitergehen mit dem, was man hat


Ich recherchierte nach neuen Wanderschuhen, doch ohne Auto war nichts zu machen. Die Tour abbrechen wollten wir nicht – also ging ich mit der Mülltüten-Lösung weiter. Eine gute Entscheidung, denn sie funktionierte. Nach dem Odilienberg zog ein orkanartiger Sturm auf. Wir wussten nicht, wo wir übernachten sollten. Auf der Karte hatten wir mehrere Hütten markiert, doch keine ließ sich nutzen – Tische und Bänke verschraubt, manche Türen verschlossen. Schließlich fanden wir auf einem großen Waldparkplatz einen neu errichteten Holzverschlag, unter dem wir Schutz suchten. Die Bäume bogen sich im Sturm, Eicheln prasselten auf das Dach, irgendwo krachte ein Baum. Aber wir waren sicher - und vor allem trocken.


In eine Holzverschlag nahe einem Wanderparkplatz suchen wir Schutz vor dem Unwetter



Das Taennchel – ein stiller Kamm


Nach dem Odilienberg führte uns der Weg weiter über das Taennchel. Ein Naturschutzgebiet, ein schmaler Höhenzug, ein Ort, der sich nicht sofort erschließt. Der Kamm zog sich ruhig dahin, links und rechts fiel das Gelände ab, und wieder begleitete uns eine Heidenmauer – als hätte sie hier oben eine besondere Bedeutung. Der Nebel zog auf und legte sich zwischen die Bäume und Felsen. Alles wurde gedämpft, still, beinahe zeitlos. Es fühlte sich an, als würden sich Landschaft und Geschichte überlagern. Wir kamen an seltsamen Felsformationen vorbei. An manchen lagen Dinge, die dort nicht zufällig platziert wirkten: ein Fisch, Blumen, kleine Gaben. Auch bei späterer Recherche konnten wir nicht herausfinden, was es damit auf sich hatte. Und vielleicht musste man das auch nicht. Das Taennchel wirkte wie ein mystischer Ort, dessen Schönheit sich nicht erklären lässt, sondern nur im Gehen gefühlt werden kann.


Der verwunschene Taennchel - mit Felsformationen und schönen Aussichten


Über die Burgen hinab ins Tal - nach Ribeauvillé


Vom Taennchel stiegen wir langsam ab. Der Weg führte uns vorbei an den drei imposanten Burgen Saint-Ulrich, Girsberg und Haut-Ribeaupierre, die gestaffelt am Hang lagen – jede auf ihre Weise präsent, jede mit Blick über das Tal.

Der Abstieg war eindrücklich. Geschichte lag hier offen im Gelände, sichtbar, greifbar. Die Burgen wirkten nicht wie Sehenswürdigkeiten, sondern wie ein Teil der Landschaft, als hätten sie sich mit ihr verwachsen. Mit dem Abstieg veränderte sich nicht nur die Landschaft, sondern auch etwas in mir. Mit jedem Höhenmeter wurde das Tal weiter, heller. Schließlich erreichten wir Ribeauvillé – Weinberge, Dächer, Straßen. Nach Tagen in Wald, Nebel und Höhe fühlte sich das Dorf beinahe laut an. Wir waren angekommen, im Tal und in einer neuen Phase der Tour.



Von Ribeauvillé in die Höhen – bis nach Munster


Nach zwei wunderbaren Ruhetagen in Ribeauvillé, begleitet von gutem elsässischem Essen, brachen wir wieder auf – zurück in die hügeligen Wälder. Das Wetter zeigte sich wechselhaft: Regen und Wind peitschten uns ins Gesicht, während wir auf schmalen Waldpfaden stetig an Höhe gewannen.


Wir genießen die schöne Aussicht auf der Burg Bilstein - auf Pfaden vorbei an tollen Felsen geht es weiter.


Von der Burg Bilstein bei Aubure bot sich uns eine weite Aussicht über die Vogesen. Der Wind war hier besonders stark, unsere Mittagspause entsprechend kurz. Weiter ging es über einen stillen Pfad, gesäumt von alten, moosbewachsenen Buntsandsteinfelsen – der Weg wirkte beinahe zeitlos. In Aubure, einem kleinen Dorf mitten in den Vogesen, füllten wir unser Wasser auf. Vor uns lag ein weiterer, steiler Anstieg zum Champ du Diable, ein Pfad, der sich fast senkrecht nach oben zog. Wir kamen an einer großen Marienstatue vorbei, die mit ernstem Blick über die Landschaft zu wachen schien.

Der Himmel zog sich zu, feiner Nieselregen setzte ein. Wir fanden einen Platz mitten im Wald, wo der Mond silbern durch die Bäume schimmerte. Es war still.


Still liegt der Wald und der Mond scheint silbern durch die Fichten.


Am nächsten Tag folgten wir einem Höhenkamm – vorbei an leuchtenden Fliegenpilzen und grasenden Hochlandrindern – bis nach Le Bonhomme. Von dort stiegen wir weiter hinauf zur Tête des Faux, dem Buchenkopf. Unterwegs passierten wir einen alten deutschen Soldatenfriedhof, verlassen, die Gräber längst offiziell umgebettet. Hier hatten vor über hundert Jahren schwere Kämpfe zwischen französischen und deutschen Truppen stattgefunden, bevor der Erste Weltkrieg in den Stellungskrieg überging. Wir gingen durch diese Landschaft und an ihren Resten vorbei: Eisenstäbe ragten aus dem Boden, überwucherte Bunker schimmerten feucht zwischen Bäumen und Gestrüpp. Die Geschichte machte uns still. Für einen Moment wurde das Gelände in Gedanken wieder lebendig – und wir spürten, wie gut es ist, heute in einer vergleichsweise friedlichen Zeit zu leben. Und wie konsequent sich die Natur diese Orte zurückholt. Wo einst kahle Flächen und Zerstörung waren, wächst heute Wald. Nichts an diesen Ruinen verrät auf den ersten Blick das Leid, das hier einmal stattgefunden hat. Oben am Buchenkopf machten wir Pause, dann stiegen wir hinab Richtung Orbey. Dort kehrten wir in eine Auberge ein, die ich von einer früheren Reise kannte. Rösti-Burger, Wärme, ein Dach über dem Kopf – wir blieben zwei Tage. Für den folgenden Tag war erneut Regen angekündigt.


Ein verlassener deutscher Soldatenfriedhof erinnert an eine schreckliche Zeit in der Vergangenheit.


Die letzte Etappe führte uns vom Lac Blanc hinunter nach Munster. Oberhalb des Sees durchquerten wir eine offene Heide mit Blick nach Westen und über den Lac Blanc hinüber nach Osten. Auch hier lag Nebel über der Landschaft.


Wunderschöner Blick über die Heide vom Lac Blanc.
Wunderschöner Blick über die Heide vom Lac Blanc.

Dann folgte ein langer Abstieg – fast tausend Höhenmeter. Die Höhen über Munster, insbesondere rund um den Lingekopf, waren im Ersten Weltkrieg ebenfalls hart umkämpft. Wieder begegneten uns Relikte dieser Zeit: Granattrichter, Schützengräben, Spuren eines Krieges, der sich unauslöschlich in das Gelände eingeschrieben hatte.

Über Pfade und steile Treppen erreichten wir schließlich Munster. Die Stadt des bekannten Käses empfing uns mit Alltag – Straßenlärm, Menschen, Geschäfte. Wir setzten uns in ein Café, tranken heiße Schokolade und aßen Kuchen. Die Wärme, die trockenen Füße, das Dach über dem Kopf – all das fühlte sich plötzlich wieder selbstverständlich an. Im Zug zurück nach Stuttgart schaute ich aus dem Fenster. Die Vogesen zogen vorbei, langsam, still. Wir hatten sie durchwandert – durch Regen, Nebel, Geschichte. Und etwas von ihnen blieb in uns zurück.


Im Hintergrund kann man bereits Munster sehen.

Diese Tour beschreibt eine persönliche, selbst organisierte Erfahrung. Übernachtungen im Rahmen meiner Trekkingangebote erfolgen ausschließlich an genehmigten Plätzen und in Abstimmung mit den zuständigen Stellen.

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