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Reiseberichte

Was bisher geschah

Allein unterwegs - Solo Trekking auf dem HW1

  • 20. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Juni


Novembertage auf der Schwäbischen Alb – zwischen Nebel, Wald und dem Wieder-Ankommen im Draußen


Drei intensive Jahre lagen hinter mir. Der Masterabschluss war geschafft, das Kolloquium vorbei und zum ersten Mal seit Langem musste ich an nichts mehr denken. Gleichzeitig war ich müde. Müde vom Sitzen, müde vom Arbeiten am Schreibtisch und müde davon, das Draußen-Sein immer wieder auf später zu verschieben. Also packte ich Anfang November meinen Rucksack. Für zwei Nächte wollte ich allein auf der Schwäbischen Alb unterwegs sein, auf den letzten Etappen des HW1 in Richtung Tuttlingen. Ausgangspunkt war Ratshausen. Dort hatte ich vor einigen Jahren schon einmal aufgehört. Damals, bei meinem ersten Versuch des Etappenwanderns. Fünf Tage Regen und Nebel, Jeans statt Regenhose und ein viel zu schwerer Rucksack. Nach zwei Tagen war ich körperlich am Ende. Diesmal fühlte es sich anders an. Ich wusste, was mich erwartete. Und ich wusste, warum ich losgehen wollte.


Die gelbe Faltmatte und der erste Anstieg


Schon von Weitem war meine gelbe Faltmatte zu sehen, die aus dem Rucksack ragte. Für viele Menschen ist sie wahrscheinlich nur eine Isomatte. Für Wandernde ist sie oft ein ziemlich eindeutiges Zeichen dafür, dass jemand vorhat, draußen zu übernachten.

Das Wetter meinte es gut mit mir. Die Sonne schien, der Himmel war klar und für Anfang November fühlte sich der Tag beinahe großzügig an. Mit dem Ruftaxi fuhr ich nach Ratshausen. Außer mir saß niemand im Fahrzeug. Von dort führte der Weg zunächst über Felder und Asphaltwege, bevor er zur Nikolauskapelle hinaufstieg, einer kleinen Kirche mitten im Wald. Der Anstieg auf den Oberhohenberg brachte mich schnell ins Schwitzen. Unterwegs blieb ein Wanderer stehen, schaute kurz auf meinen Rucksack und fragte: „Übernachtest du draußen?“ Die Matte hatte mich verraten. Ich nickte. Normalerweise erzähle ich das nicht sofort. Aber er wirkte offen und neugierig. Wir unterhielten uns kurz, bevor sich unsere Wege wieder trennten. Solche Begegnungen beschäftigen mich oft noch eine Weile. Vielleicht weil ich mich dann frage, wie viele Menschen eigentlich davon träumen, einfach loszugehen. Und wie viele es am Ende doch nicht tun.


Mein Rucksack und die gelbe Faltmatte - mit Aussicht vom Oberhohenberg in Richtung Rottweil
Mein Rucksack und die gelbe Faltmatte - mit Aussicht vom Oberhohenberg in Richtung Rottweil

Im Abendlicht, ein Platz für die Nacht


Oben auf dem Oberhohenberg öffnete sich der Blick in Richtung Rottweil. Der Thyssen-Krupp-Testturm ragte aus der Landschaft und auf den Wegen waren noch einige Familien unterwegs. Es war einer dieser Nachmittage, an denen man spürt, dass der Tag langsam zu Ende geht. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mich bald nach einem Platz für die Nacht umsehen musste. Anfang November wird es früh dunkel und ich baue mein Lager lieber bei Tageslicht auf. Der Weg führte direkt am Trauf entlang. Immer wieder schaute ich nach links und rechts, doch entweder war der Hang zu steil oder der Boden zu feucht. Erst etwas später entdeckte ich ein kleines Plateau zwischen hohen Fichten. Es war kein spektakulärer Ort, aber einer, der sich sofort richtig anfühlte. Die Sonne stand bereits tief, als ich mein Tarp aufbaute. Kurz darauf kam ein junges Paar vorbei. „Wie cool ist das denn?“, sagte die Frau lächelnd, als sie mein Lager entdeckte. Wenig später waren ihre Schritte verklungen und mit ihnen kehrte die Ruhe zurück. In der Nacht bellte irgendwo ein Fuchs. Der Wind strich durch die Baumwipfel und ich lag warm im Schlafsack. Genau diese Nächte sind es, die mich immer wieder nach draußen ziehen. Nicht die großen Abenteuer, sondern diese einfachen Stunden zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen.


Biwakplatz direkt am Trauf auf dem HW1 gefunden
Biwakplatz direkt am Trauf auf dem HW1 gefunden

Nebel über den Lembergturm


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte sich die Landschaft verändert. Der Himmel war verschwunden. Nebel lag zwischen den Bäumen und dämpfte jedes Geräusch. Alles wirkte feucht, still und ein wenig entrückt. Ich packte mein Lager zusammen und machte mich auf den Weg zum Lembergturm. Oben versuchte ein junger Mann mit seiner Drohne über den Nebel zu steigen. Doch selbst aus der Luft ließ sich die graue Decke nicht durchbrechen. Auch vom Turm aus war nichts zu sehen. Dort, wo der Blick normalerweise weit über die Alb reicht, begann an diesem Morgen nach wenigen Metern eine weiße Wand. Der Nebel begleitete mich weiter bis nach Gosheim. Eigentlich wollte ich dort Wasser auffüllen. Doch die Brunnen und Quellen waren bereits abgestellt. Also ging ich weiter. Die Sicht lag stellenweise bei vielleicht fünf Metern und der Weg führte durch eine Landschaft, die sich fast vollständig zurückgezogen hatte. Irgendwann erreichte ich das Klippeneck. Drinnen war es warm. Ich bestellte Kässpätzle und ließ mir Zeit. Draußen lag weiterhin der Nebel über der Alb. Eigentlich gehört das Klippeneck zu den Orten mit den schönsten Ausblicken der Region. An diesem Tag sah ich nichts davon. Und trotzdem fehlte mir nichts.



Der Lembergturm ganz im Nebel gehüllt
Der Lembergturm ganz im Nebel gehüllt

Ein mystischer Wald in der Abenddämmerung


Als ich am Nachmittag weiterlief, begann ich langsam zu rechnen. Bis zum Sonnenuntergang blieb nicht mehr viel Zeit und gleichzeitig fehlten mir noch immer mehrere Liter Wasser für die Nacht und den nächsten Morgen. In einer Gaststätte bestellte ich zunächst ein Bier und fragte anschließend nach Wasser. Das Bier kam nie. Das Wasser schon. Damit war die wichtigere Frage geklärt. Trotzdem wurde der Rest des Tages hektisch. Die Dämmerung rückte näher und ich wusste, dass ich bald einen Platz finden musste. Im Dunkeln baue ich nur ungern auf. Zu viele Dinge wollen bedacht werden. Wege, mögliche Besucher, der Zustand der Bäume über dem Schlafplatz. Im Wald wurde die Suche immer intensiver. Schließlich entdeckte ich eine kleine Rückegasse mit hohen Buchen. Etwas weiter hinten standen die Reste von Hütten, die Kinder gebaut hatten. Zwischen den Stämmen hing der Nebel und verwandelte den Wald in eine ganz eigene Welt. Es war einer dieser Orte, die gleichzeitig friedlich und ein wenig unheimlich wirken. Ich schrieb noch kurz meinen Wilderness Girls, kroch in den Schlafsack und hörte dem Wald zu. Wenig später schlief ich ein.



Der Buchenwald im Nebel
Der Buchenwald im Nebel

Morgenlicht und der Heimweg


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wirkte der Wald vollkommen verändert.

Der Nebel war verschwunden und zwischen den Buchen lag ein weiches Morgenlicht. Was am Abend noch geheimnisvoll und etwas unheimlich gewirkt hatte, erschien nun offen und freundlich. Es ist erstaunlich, wie sehr Licht einen Ort verändern kann. Nach dem Frühstück packte ich mein Lager zusammen und machte mich auf den letzten Abschnitt der Tour. Der Weg führte weiter durch den Wald. Unterwegs kam ich an einer kleinen Höhle vorbei, in der jemand Bücher hinterlassen hatte. Solche Orte überraschen mich immer wieder. Mitten im Wald stößt man plötzlich auf Spuren anderer Menschen, die man dort nicht erwartet hätte. Je näher ich Tuttlingen kam, desto deutlicher wurde mir, dass die Tour langsam zu Ende ging. Vor mir lagen wieder Bahnhöfe, Fahrpläne und der Alltag. Hinter mir zwei Nächte draußen, Nebel, Wald und viele Kilometer auf den letzten Etappen des HW1. Als ich schließlich auf Tuttlingen hinabblickte, hatte ich nicht das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben. Eher das Gegenteil. Ich hatte einfach wieder einmal ein paar Tage draußen verbracht. Bin unterwegs gewesen, hatte draußen geschlafen, den Wetterwechsel erlebt und mich auf den Rhythmus des Weges eingelassen. Genau deshalb war ich losgezogen. Von Tuttlingen aus nahm ich den Zug zurück nach Stuttgart. Während die Landschaft am Fenster vorbeizog, wurde mir klar, dass ich in diesen drei Tagen genau das gefunden hatte, was mir in den Monaten zuvor gefehlt hatte. Nicht Leistung. Sondern Zeit draußen. Und das Gefühl, wieder unterwegs zu sein.



Dort hinten ist schon Tuttlingen - mein Ziel ist erreicht.
Dort hinten ist schon Tuttlingen - mein Ziel ist erreicht.

Diese Tour beschreibt eine persönliche, selbst organisierte Erfahrung. Übernachtungen im Rahmen meiner Trekkingangebote erfolgen ausschließlich an genehmigten Plätzen und in Abstimmung mit den zuständigen Stellen.

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